Donnerstag, 21. Mai 2026

Der Krieg, der niemals endet - Dr. Wolfgang Bittner

Der Krieg, der niemals endet Von  Dr. Wolfgang Bittner  - 16. Mai 2026 Soldaten der Bundeswehr fallen vom Himmel. Quelle: Pixabay, Foto: Günther Schneider Berlin, BRD (Weltexpress). Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos, Deutschland wurde besetzt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt; Schlesien, Ostpreußen sowie Teile von Pommern und Brandenburg wurden unter polnische Verwaltung gestellt. Für Millionen Menschen, die mit dem Leben davongekommen waren, bedeutete das Vertreibung, Hunger und Not. Gehe ich in die Zeit um 1945 zurück, lassen sich meine Erinnerungen in Anlehnung an eine Gedichtzeile von Heinrich Heine in dem Satz zusammenfassen: Denk ich an Schlesien in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Noch während des Zweiten Weltkriegs geboren, wuchs ich bis zur Vertreibung im Oktober 1945 in Gleiwitz auf, das heute Gliwice heißt und in Polen liegt. Schon als Kind im Alter von vier Jahren nahm ich intuitiv wahr, dass das Leben endlich ist, also auch mein Leben. Als Jugendlicher wurde mir dann bewusst, dass ich meine Zukunft planen musste, wollte ich nicht in der Enge meiner damaligen neuen Umgebung verkümmern. Meine frühesten Erinnerungen setzten bruchstückhaft im Herbst 1944 ein. Jedes Mal, wenn ich heute Sirenen höre, rieselt es mir kalt über den Rücken. In meiner Erinnerung bröckelt Kalk von der Kellerdecke, an der sich Risse zeigen, die Wände beben und der Boden bäumt sich auf unter meinen Füßen. Die Angst der Erwachsenen. Meine Mutter weint, die Großmutter betet. Im Hinterhaus ist eine Bombe eingeschlagen. Der Großvater wird zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, eingezogen. Die Front rückte immer näher. In der Nacht zum 24. Januar 1945 kamen die Russen. Das Grollen der Front war immer heftiger geworden. Wir saßen im Keller. Die unteren Fenster waren zugenagelt, die Türen verbarrikadiert und das Hoftor mit einer dicken Kette und einem Vorhängeschloss zugesperrt. Artilleriefeuer, das Rattern von Panzerketten, peitschende Schüsse, manchmal vibrierte der Boden. Das Schloss am Hoftor wurde aufgeschossen, im Seitenhaus und Hinterhaus schrien die Frauen, die vor ihren Kindern vergewaltigt wurden. Aber wir hatten Glück, die Haustüren hielten den Kolbenstößen stand. Am nächsten Tag begannen die Plünderungen. Soldaten drangen in unser Haus ein und nahmen alles mit, was ihnen gefiel. Auf dem Fußboden lagen Hausrat, Kleidungsstücke und der Inhalt von Schränken und Schubladen; unser Klavier zerschellte bei dem Versuch es aus dem Fenster abzuseilen, auf dem Hof. Wir sollten erschossen werden, weil meine Mutter ihren Schmuck versteckt hatte und das Versteck nicht verraten wollte. Zwei Soldaten zerrten an ihr und meiner Tante herum, aber die Großmutter, die Polnisch und auch ein bisschen Russisch sprach, vermochte die Gefahr in letzter Sekunde noch abzuwenden. Tagelang ging das so weiter, der Krieg war zu uns gekommen. Ich verstand das alles nicht. Wenige Tage später pochte es an der Tür: Russische Militärpolizei und ein Kommissar in Zivil. Jemand hatte meinen Großvater, der in der NSDAP gewesen war, denunziert. Er wurde „abgeholt“, so nannte man das. „Ziehen Sie lieber einen Mantel an“, riet ihm der Kommissar, obwohl das Wetter mild war und die Sonne schien. Die Frauen weinten, und der Großvater ging mit den Männern, die ihn in die Mitte genommen hatten, fort. Das sehe ich noch wie heute. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Im April 1945 wurde in Gleiwitz eine polnische Verwaltung eingesetzt, und erneut fanden tagelang Plünderungen statt. Diesmal drangen Männer mit rotweißen Armbinden ein, die mit Pistolen herumfuchtelten und das mitnahmen, was die Russen übriggelassen hatten. Meine Mutter musste sich morgens um sechs zur Arbeit melden: In den Fabriken, wo demontiert wurde, beim Straßenbau, auf dem Rangierbahnhof. Abends wurden von den Betrunkenen Frauen gejagt. So vergingen die Tage und Wochen. Wir hatten kaum zu essen, obwohl die Großmutter alles, was uns geblieben war, auf dem Schwarzen Markt gegen Nahrungsmittel einzutauschen versuchte. Ende August hieß es schließlich, dass alle, die nicht für Polen optieren, die besetzten Gebiete bis zum 1. Oktober zu verlassen haben. Zwanzig Kilo Gepäck durfte man mitnehmen, so war auf den Aushängen zu lesen. Meine Mutter wollte nicht polnisch werden, also mussten wir fort und alles, was uns gehörte, zurücklassen. Anfang Oktober gingen wir zum Bahnhof, meine Mutter mit mir und den Großeltern aus Beuthen, deren Wohnung von einem polnischen Ehepaar besetzt worden war. Die Gleiwitzer Großmutter wollte bleiben, um auf den Großvater zu warten; sie hoffte immer noch auf seine Rückkehr, obwohl ein Nachbar berichtet hatte, er sei totgeschlagen worden. Der Zug war völlig überfüllt, aber wollten wir nicht in ein Lager gebracht werden, mussten wir Gleiwitz verlassen. Über diese Lager, die zum Beispiel in Lamsdorf, Zgoda, Myslowitz und Jaworzno eingerichtet worden waren, gab es grauenvolle Berichte. Wir fanden nur noch etwas Platz auf dem Dach des Zuges, mit dem es zunächst nach Forst an der Neiße ging. Eine schreckliche Fahrt. Wenn Brücken oder Tunnel kamen, mussten wir uns flach hinlegen. Ich fror die ganze Zeit und hatte Angst, die Dachschräge hinunterzufallen. Unterwegs hielt der Zug plötzlich auf freier Strecke an, Männer mit Pistolen und Messern kletterten herauf. Sie schlugen auf die Menschen ein, rissen Koffer und Taschen auf, raubten alle Wertgegenstände und warfen jeden, der sich wehrte, hinunter. Als der Großvater nicht schnell genug seine goldene Taschenuhr herausgab, stach ein Halbwüchsiger mit dem Messer auf ihn ein. Der Großvater, der viel Blut verloren hatte, wurde an der nächsten Station vom Roten Kreuz versorgt, so dass er am Leben blieb. Über Forst, kurz hinter der bereits streng bewachten Oder-Neiße-Grenze gelegen, ging es nach einem wochenlangen Aufenthalt in der Uckermark schließlich weiter nach Westen. Helmstedt, so hieß der erste Ort hinter der so genannten Demarkationslinie (zwischen der russischen und der britischen Zone), wo wir in einem Sammellager notdürftig untergebracht wurden. Ich bekam nach den Entbehrungen der vergangen Tage eine schwere Erkältung, der Lagerarzt vermutete Keuchhusten. Daraufhin erhielten wir die Genehmigung, weiter zu meinem Vater nach Ostfriesland zu reisen. Er lag dort nach einer schweren Verwundung in einem Lazarett, und meine Mutter hatte ihn über den inzwischen eingerichteten Suchdienst ausfindig gemacht. Ich erinnere mich noch genau an die Übernachtung in einem verwanzten Bunker in Braunschweig, an die Fahrt auf einem Lastwagen nach Hannover, an schrecklich kalte Bahnhöfe in Bremen und Oldenburg. Dort bekamen wir einen Zug an die Küste. Am 12. Januar 1946 erreichten wir endlich, halb verhungert, abends gegen neun Uhr Wittmund, eine Kleinstadt in Ostfriesland, damals am Rande der Welt. Die Stadt, die vielleicht 4.000 Einwohner zählte, dazu etwa 2.000 Flüchtlinge und Vertriebene, lag auf einem Geestrücken am Rande der Marsch; bis zur Nordseeküste waren es nur zehn Kilometer. 1933 hatten die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und die Deutschnationale Volkspartei zusammen einen Stimmenanteil von 85,6 Prozent erhalten. Die damals wirtschaftlich und kulturell unterentwickelte Region hatte Tausende von heimatlosen Menschen aufzunehmen, was natürlich zu Lasten der einheimischen Bevölkerung ging, die ihren Unmut nicht zurückhielt. Die Atmosphäre war feindlich, wir waren Eindringlinge, Störenfriede, für viele Einheimische „Polacken“ und „Rucksackgesindel“. Als meine Mutter im Herbst 1946 einen Bauern nach Falläpfeln fragte – der Garten lag voll davon –, wurden wir mit der Mistgabel vom Hof gejagt. Der folgende Winter war sehr kalt, wir hatten kaum zu essen und zu heizen. Zuerst erhielten wir vom Wohnungsamt zwei Mansardenzimmer in einem Einfamilienhaus, später zogen wir dann ins Flüchtlingslager am Stadtrand, wo wir zehn Jahre blieben, bis es uns allmählich wieder besser ging. Ich verließ die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, endgültig 1966, nachdem ich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, um an der Universität in Göttingen zu studieren. Wenn ich es mir rückblickend überlege, ging für mich der Krieg eigentlich erst damals zu Ende. Aber das Gefühl von Heimatlosigkeit blieb bis heute. Wenn ich jetzt einige der meinungsführenden Politiker und Journalisten höre und sehe oder ihre Verlautbarungen lese, sträuben sich mir die Haare. Sie sagen, Deutschland müsse aufrüsten und wieder „kriegstüchtig“ werden, und die Bevölkerung müsse sich deswegen einschränken. Mir dreht sich dabei der Magen um. Gut, dass immer mehr Menschen begreifen, dass sie belogen und betrogen werden. Anmerkungen: Vorstehender Beitrag wurde unter dem Titel „Der Krieg, der niemals endet“ in „NachDenkSeiten“ (Eigenschreibweise) am 11.5.2026 erstveröffentlicht. Sie zum Thema auch den Roman des Schriftsteller Wolfgang Bittner mit dem Titel „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“, 2014 und das Sachbuch „Die Eroberung Europas durch die USA – Eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung“. Siehe den Beitrag „Eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung“ – „Die Eroberung Europas durch die USA“ von Wolfgang Bittner von Frieder Fuch Das EHRENMAL 8. Mai, Tag der Befreiung Erinnerungen von Harry Popow Tamara in der Krypta Im Jahr 2012- Langsam gehe ich auf das große Denkmal zu. Treptow. Der Park. Sonne und Maienduft. Jahrzehnte war ich nicht mehr hier. Eingesteckt habe ich ein Foto. Unsere russische Mutter Tamara (1915-1984, sie kam 1935 aus Liebe nach Deutschland, unser deutscher Vater lernte sie in der Sowjetunion kennen) mit sowjetischen Gästen. Im Hintergrund das Ehrenmal. Wann? Irgendwie in den 70er Jahren? Dort in der Krypta wurde sie verewigt – in einem Mosaik-Fries mit anderen sowjetischen Männern und Frauen. Ich bin gespannt. 1949 war ich mit unserer Mama als dreizehnjähriger in der Krypta, kurz nach der offiziellen Eröffnung des Ehrenmals. In Erinnerung ist mir, dass sie ihre rechte Hand auf die Schultern einer vor ihr stehenden Frau legt. Zum Trost. dass der Krieg beendet ist, dass das Leben weitergeht, dass sie endlich da ist – die Befreiung von der furchtbaren Last dieses größten verbrecherischen Krieges in der Geschichte der Menschheit. Meine Schritte verlangsame ich. Ich denke, grübele. An meiner Seite ein guter Bekannter. Hans heißt er. Hat ebenso einen Lebensweg hinter sich wie ich. Der Befreiung haben wir Nachdruck verliehen, damit es nie wieder soweit kommt. Mit der Waffe in der Hand. Wir hatten unseren Sinn des Lebens gefunden: Humanität muss mitunter hart verteidigt werden. Die Stufen nach oben. Die Krypta, das Eisengitter geschlossen. So ein Pech. Was nun? Stille. Leute, die Blumen ablegen. Auch wir. Ich trete dicht ans Tor. Die Figuren geradeaus sind gut zu erkennen. Meine Mutter aber soll im Rondell ganz links abgebildet sein. So weiß ich das noch von 1949. Aber den Kopf kann ich nicht durchs Gitter stecken, dafür aber meinen Fotoapparat. Ich richte ihn wohl zu weit nach links, es wurde nichts. Schade. Aber Hans versucht sich ebenfalls. Vielleicht schafft er es? Plötzlich träume ich: „Na, wie geht’s, mein guter Junge?“ Mir stockt das Herz. Was soll ich sagen in der Kürze? Sie, die stets sich zu befreien wusste von Kleinmut, Egoismus, Herzlosigkeit. Aber Härte konnte sie ebenfalls zeigen: Bei Dummheit, bei kleingeistigem Denken und Verhalten, bei blödem Geschwätz, sie war selbst immer politisch hellwach. Dazu schön, klug und begabt. Und tapfer, als russische Mutter von vier Kindern im faschistischen Deutschland zu überleben. In der DDR war sie Dolmetscherin für ihre Landsleute – vorwiegend sowjetische Wissenschaftler, die Gäste der DDR waren. Die umsorgte sie warmherzig und mit fachlichem Können. Verträgt sie die Wahrheit über unsere jetzigen Zustände des Jahres 2012? Durch vorwiegend auch eigene Schuld, füge ich hinzu. Ist sie erschüttert? Ich beruhige sie. Brot ist da, Kleidung, Sachwerte - alles in Überfülle. Ich glaube, sie müde lächeln zu sehen, so von der Seite. Nein, nur Materielles war nie der jungen Russin alleiniges Ding. Sie liebte Musik, Literatur, Gemälde vor allem, Geistiges. Und wollte auch reisen. Das war begrenzt, sehr sogar. Und nun, höre ich sie im Geiste fragen? Sie verlangte stets ein klares Wort, keine Heuchelei, keine Unehrlichkeit. Und so rede ich Klartext: das ALTE hat uns wieder in seinem Schoß. Hart erkämpftes Soziales gibt es zwar – allerdings mit sehr vielen Abstrichen, mit zunehmend größeren Widersprüchen. Und das Schlimme – auch Kriege und Gewalt gibt es wieder. Weltweit. Die Gelddiktatur schüttelt die Menschen und Verhältnisse durcheinander. Ich kann ich es ihr nicht tröstend zurufen: Wir sind wieder auf dem Weg, auf einem zunehmend harten Weg. Und wissen nicht, wie das und wo das alles enden wird. „Tschüß, liebste Mama!“ Dein Optimismus – er wirkt nach, er steht fürs ewige gute Hoffen. Und fürs Tun… Dein Sohn H. Nachtrag Vor der Krypta fragten Hans und mich zwei Damen an dem besagten 08. Mai, ob die Denkmal-Figur und das Kind authentisch seien. Hans bejahte und ich ergänzte, der sowjetische Militärjournalist Boris Polewoi habe dazu als Augenzeuge den Tatsachenbericht geliefert. Zu Hause habe ich mich – nach zig Jahren - bei Boris Polewoi noch einmal schlau gemacht. Ja, er hat die Rettung des kleinen blonden Mädchens durch den Obersergeanten Trifon Lukjanowitsch, ein Belorusse, in seinen Büchern "Berlin 896 km" und "Die Reportagen meines Lebens" geschildert, also selbst miterlebt. Interessant: Er schrieb von einer "Eisenstraße" in Berlin, wo der Obersergeant über das unter feindlichem Beschuss liegende Straßenpflaster kroch und das Kind aus den Trümmern rettete, als es um die tote Mutter wimmerte und schluchzte. Später fand er diese Straße nicht. Es stellte sich aber heraus, dass es die "Elsenstraße" in Trepow war. Das l war 1945 offensichtlich von einem Geschoss getroffen worden, und so irrte er mit dem angeblichen Namen Eisenstraße. Übrigens hatte er auch erfahren, dass es noch eine weitere Rettung eines Kindes in Berlin gab, wie General W.I. Tschuikow einem Bildhauer erzählt habe. Nun denn, jetzt ist mir wohler, da ich´s nochmals gelesen hatte. Polewoi wurde später durch den Bildhauer, der das Ehrenmal schuf, über das Aussehen des Helden tüchtig ausgefragt. Dieser Held starb allerdings Tage später an seiner Verletzung, die ihm ein Faschist durch einen einzigen Schuss - unmittelbar, nachdem er das Kind in die eigene Stellung zurückgebracht hatte - zufügte. Wen interessiert es heute noch???? Frage per E-Mail an meinen Bekannten Hans. Seine Antwort: Bei alten Höhlenmalereien wusste auch niemand, wer das mal sehen und bewundern wird… Ach so: Vor uns auf den Stufen eine Schulklasse zum Ehrenmal. Sie lässt sich fotografieren!! Und nach uns kamen noch viele – vereinzelt und in Gruppen… 14 Diesen Buchtext finden Leser in diesem Buch: Buchtipp "VOLLTREFFER PLAUENER SPITZE & DER WELTENTRÄUMER" Es geht es um eine über 62-Jahre währende glückliche Ehe- und Liebesgeschichte zwischen dem Autor und seiner Ehefrau - beide im Krieg geboren und am Friedenswirken der DDR aktiv beteiligt. Autor, Blogger, Rezensent, Hobbymaler: Harry Popow http://cleo-schreiber.blogspot.com  Format: 12 x 19 cm Seitenanzahl: 484 ISBN: 111-2-0000-0001-6 Erscheinungsdatum: 23.09.2024 EUR 36,95 als Buch https://www.united-pc.eu/buecher/biografie-politik-zeitgeschichte/geschichte-biografie/volltreffer.html

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite