Keine Satire - Sondern die Logik der Kriegstüchtigen - Rainer Rupp
Entnommen: https://www.freidenker.org/?p=23522
Keine Satire – Sondern die Logik der Kriegssüchtigen
12. November 2025
Angriffskrieg
,
Ukraine-Konflikt
Diese Fundsache ist zu gut, um sie ungenutzt in Vergessenheit geraten zu
lassen. Die Antworten klingen wie der Auftakt zu einem
Monty-Python-Sketch, bei dem die Logik aus dem Fenster fliegt und durch
ein Loch in der Realität ins Absurde purzelt.
Von Rainer Rupp
Erstveröffentlichung am 09.11.2025 auf RT DE
Der Auszug aus dem Wortprotokoll der Regierungspressekonferenz vom 17.
Oktober 2025 ist in den aktuellen Mitteilungen 11/25 der „Gesellschaft
zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e.V.“ veröffentlicht
worden. Dabei geht es um die Antworten, die Florian Warweg – Journalist
und Politikwissenschaftler – von zwei Regierungssprechern auf eine
einfache Frage über die Widersprüchlichkeit in der offiziellen Politik
in Bezug auf den Krieg in der Ukraine erhalten hat.
Frage von Warweg:
„Der NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat bei der jüngsten Jahrestagung
der Parlamentarischen Versammlung der NATO in Slowenien erklärt, die
NATO sei Russland militärisch unendlich überlegen. Wirtschaftlich sei
man 25 Mal größer, und die russische Luftwaffe könne nicht einmal
ansatzweise mit der der NATO mithalten. Da würde mich interessieren:
Teilen denn der Kanzler und der Verteidigungsminister diese Einschätzung
der unendlichen Überlegenheit der NATO gegenüber Russland, wie vom
Generalsekretär vorgetragen?“
Müller (Vertreter des Bundesministeriums für Verteidigung):
„Russland führt seit mehr als drei Jahren einen völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg. Russland bedroht Europa. Russland bedroht die europäische
Friedensordnung. Deswegen ist es zuallererst nicht relevant, wie die
strategischen Kräfteverhältnisse sind, sondern relevant ist, dass
Russland [Müller sagte an dieser Stelle „Europa„; Anm. d. Red.] eine
ständige Bedrohung, eine große Bedrohung für unsere Sicherheit ist.
Dahingehend laufen unsere Bemühungen darauf ab, die europäische und die
NATO-Verteidigungsfähigkeit gegen dieses aggressive Russland zu stärken.
Das ist die Antwort.“
Zusatzfrage Warweg:
„Ich hatte ja auch nach dem Kanzler gefragt.“
SRS Meyers (SRS steht für „Stellvertretender Regierungssprecher“;
Steffen Meyer, so der volle Name, vertritt in diesem Kontext den
Regierungssprecher, etwa bei der Antwort auf Nachfragen zur Position des
Kanzlers) Antwort lautete:
„Der Aussage (von Müller) habe ich nichts hinzuzufügen.“
Zusatzfrage Warweg:
„Gut, aber die Frage bleibt ja trotzdem bestehen. Sie haben dem
Generalsekretär, wenn ich es richtig verstanden habe, auch nicht
widersprochen, als er von einer unendlichen militärischen Überlegenheit
schon beim Status quo sprach. Wie rechtfertigt dann die Bundesregierung
diese massiven Rüstungsausgaben hinsichtlich eines Gegners, dem man
bereits jetzt unendlich überlegen ist? Was wäre dann die Steigerungsform
von ‚unendlich überlegen‘?“
Müller:
„Wenn Sie fragen, wie die Bundesregierung die aktuellen Bemühungen
rechtfertigt, dann brauche ich nur in die Ukraine zu schauen und zu
sehen, welche Angriffe und welche brutale Gewalt Russland gegen die
Ukraine und vor allem gegen die ukrainische Zivilbevölkerung jeden Tag
anwendet. Das ist für uns Grund genug, alles zu tun, um die Sicherheit
Europas und der NATO und unseres Landes zu stärken.“
Ende des Wortprotokolls!
Ein einfacher Logik-Test
Dieser Auszug aus der Regierungspressekonferenz vom 17. Oktober 2025 ist
ein Meisterwerk der „Zirkulären Rhetorik“. Mit ihren unendlich dummen
Antworten haben die beiden aus Steuermitteln hochdotierten
Regierungssprecher die kluge Frage eines Journalisten abgespeist. Eine
Frage nach Fakten wird mit einer Ladung moralischer Empörung
beantwortet, wobei die Idiotie so dick aufgetragen ist, dass sie schon
physische Schmerzen verursacht. Wir wollen dies nun Schritt für Schritt
aufdröseln.
Die Kernfrage von Warweg war ein simpler Logik-Test, der aufseiten der
Regierungssprecher – symptomatisch für die ganze Regierungsmannschaft –
grandios scheiterte. Dabei war Warwegs Frage harmlos: „Teilen Kanzler
und Verteidigungsminister diese Einschätzung?“ Das war kein Hinterhalt.
Das war guter Journalismus, der klären sollte, ob die Regierung mit dem
Boss der NATO auf einer Wellenlänge liegt. Stattdessen kriegen wir ein
Meisterstück in Sachen widersprüchlichem Ausweichen präsentiert.
Das Narrativ ist relevanter als die Fakten
Müller startet wie bei einem schlechten Yoga-Kurs mit dem
Standard-Mantra: „Russland führt seit mehr als drei Jahren einen
völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Russland bedroht Europa. Russland
bedroht die europäische Friedensordnung.“ (Dreimal „Russland“ – als ob
Wiederholung Wahrheit erzeugt). Dann kommt Müllers Hammer, wenn er sagt:
„Deswegen ist es zuallererst nicht relevant, wie die strategischen
Kräfteverhältnisse sind.“ Hallo? Die Frage dreht sich doch genau darum.
Rutte hat die Kräfteverhältnisse gerade detailliert beschrieben –
unendliche Überlegenheit! – und Müller sagt: „Nicht relevant, weil
Bedrohung.“ Das ist, als würde ein Arzt bei einer Krebsdiagnose sagen:
„Die Größe des Tumors ist irrelevant, weil Krebs böse ist. Nehmen Sie
mehr Aspirin!“
Müller hätte genauso gut sagen können: „Ach, die Kräfteverhältnisse?
Pöfft, das sind nur Zahlen, Herr Warweg! Wichtiger ist das Narrativ:
Russland ist der Bösewicht in unserem Hollywood-Film. Und wir? Die
Helden, die trotz unendlicher Superkräfte noch mehr Panzer brauchen, um
sich sicher zu fühlen. Das ist unendlich plus eins!
Doch dann hakt Warweg nach: „Ich hatte ja auch nach dem Kanzler
gefragt.“ Jetzt tritt Steffen Meyer, Stellvertretender
Regierungssprecher auf die Bühne. Mit der Eleganz eines
Steinzeitmenschen vor einem Quantencomputer antwortet er: „Der Aussage
habe ich nichts hinzuzufügen.“ Schluss, aus! In der Berliner Demokratur
hat man sich an derartige Nicht-Antworten fast schon gewöhnt. Von
Vertretern einer funktionierenden Demokratie wird jedoch mehr erwartet.
Der Kanzler wird hier durch einen hochrangigen Beamten vertreten, der
sagt: „Ich passe.“ Dies impliziert Zustimmung zu Müllers
Ausweichmanöver, ohne je die NATO-Rutte-Einschätzung anzusprechen. Wenn
also die Regierung Rutte’s Version nicht widerspricht, dann stimmt sie
folgerichtig der ‚unendlichen Überlegenheit‘ der NATO zu – und ignoriert
damit Warwegs Kernfrage.
Mehr als unendlich – wo Logik explodiert
Warweg kontert brillant: „Sie haben nicht widersprochen … Wie
rechtfertigt die Regierung massive Rüstungsausgaben, wenn wir ‚bereits
jetzt unendlich überlegen‘ sind? Was ist die Steigerungsform von
‚unendlich überlegen‘?“ Das ist eine Provokation, die jeden Mathematiker
zum Weinen bringen würde. Unendlich ist das Maximum. Eine Steigerung?
Lächerlich. Aber Müller überbrückt seinen Mangel an
Mathematik-Grundkenntnissen und antwortet: „Schauen Sie in die Ukraine …
brutale Gewalt … Grund genug, alles zu tun.“ Kein Eingeständnis des
Widerspruchs; stattdessen die Ukraine als Allzweckkeule. Die russische
Bedrohung rechtfertigt alles, inklusive „unendliche“ Ausgaben, die
Kriegsgewinnler wie BlackRock unendlich reicher machen.
Hier kulminiert die Dummheit: Ruttes „unendlich überlegen“ wird
stillschweigend akzeptiert. Aber die Rüstung wird mit der russischen
Aggression in der Ukraine begründet. Wenn wir unendlich stärker sind,
warum nicht einfach die Ukraine mit einem Fingerschnippen retten? Die
Überlegenheit macht die Bedrohung irrelevant, es sei denn, die
Überlegenheit ist … eine Lüge? Oder nur PR?
Fazit:
Diese Antworten der beiden Vertreter der Merz-Regierung bei der
Regierungspressekonferenz vom 17. Oktober 2025, sind nicht nur
widersprüchlich, sie sind ein Symptom einer Politik, die Fakten als
Feind betrachtet. Die Regierung stimmt Rutte (implizit) zu, rechtfertigt
aber die panikartige Aufrüstung mit einer Bedrohung, die angeblich
harmlos ist. Ergebnis: Ein Logik-Loch groß genug, um einen Panzer
hindurchzufahren – den wir ja erst noch kaufen müssen. Es fühlt sich an
wie ein Stück „Orwell trifft Kafka“: Die Wahrheit ist irrelevant,
solange der Feind benannt ist. Und Warweg? Der Held, der mit einer
einzigen Frage die ganze Maschinerie enttarnt hat.
Hintergrund zu Florian Warweg – Journalist, Politikwissenschaftler und
Parlamentskorrespondent für NachDenkSeiten. Warweg hat
Politikwissenschaft und Geografie an der Uni Tübingen studiert. Als
Journalist war er unter anderem für amerika21 (2012–2014) und RT DE
(Co-Leitung Online-Redaktion von 2014–2022) tätig, bis der Sender in
Deutschland 2022 verboten wurde.
Seit Juni 2022 ist er Parlamentskorrespondent und Redakteur bei den
NachDenkSeiten mit Fokus auf Berichterstattung zur Bundespressekonferenz
(BPK). Nach seinem Wechsel von RT zu den NachDenkSeiten wurde Warwegs
Aufnahme in die BPK verweigert – es gab Proteste von Mitgliedern. Er
klagte und erreichte im Jahr 2023 vor dem Landgericht Berlin, dass ihm
der Zugang zu Regierungspressekonferenzen (als Gast mit Fragerecht)
nicht verwehrt werden darf.
Rainer Rupp ist Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes
Siehe auch dieses Video der NachDenkSeiten: https://www.youtube.com/watch?v=-nI5Nqhygag

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